August Fricke

  • am 7. November 1880 in Segelte (Niedersachsen) geboren
  • arbeitete vier Jahre als Volksschullehrer in Einbeck
  • ab 1909 für zwei Jahre Seminarlehrer in Lüdenscheid
  • ab 1912 Lehrer im reformorientierten Realgymnasium II in Kassel
  • in den 20ern begründet Fricke Volkshochschule in Kassel
  • 1927 übernahm Fricke die Schulleitung im Realgymnasium II
  • ab 1929 setzt Fricke umfassende Reformprojekte (siehe unten) um
  • 1933 wird Fricke aus dem Schuldienst entlassen und arbeitet als Versicherungsvertreter
  • während des Krieges hält er Verbindungen zu antifaschistischen Kreisen
  • ab 1946 hauptamtlicher Stadtschulrat
  • 1954 Pensionierung
  • im Jahr 1965 verstirbt August Fricke

 

 

nähere Informationen

August Fricke wurde am 7. November 1880 in Segelte (Niedersachsen) geboren. Er stammte aus einer Kleinbauern- und Handwerkerfamilie. Nach seiner Ausbildung zum Volksschullehrer arbeitete er vier Jahre als Lehrer in Einbeck.

Von 1904 bis 1909 studierte er die Fächer Deutsch, Geschichte, Erdkunde, Kunstgeschichte, Volkswirtschaft, Psychologie und Pädagogik an den Universitäten Göttingen, München, Berlin und Paris. Nach seiner Staatsprüfung für das Lehramt an Gymnasien war er zunächst ab 1909 für zwei Jahre Seminarlehrer in Lüdenscheid.

1912 wechselte er an das neu gegründete Realgymnasium II in Kassel. (Heute steht hier die Jacob-Grimm-Schule). Das Realgymnasium II galt reformpädagogisch orientiert, d.h. hatte offiziell den Status einer Reformanstalt. Dies waren, orientiert an den Richtlinien der preußischen Schulreform, höhere Schulen, die auf der Unterstufe statt Latein eine neuere Fremdsprache betrieben, meist Französisch oder Englisch. Die Richtlinien dieser Reformanstalten gaben den einzelnen Schulen ein größeres Maß an Freiheit, legten aber dem Lehrerkollegium die Pflicht auf, den Lehrstoff innerhalb eines vorgegebenen Rahmens selbst auszuwählen.

1927 übernahm Fricke die Schulleitung. Das Lehrerkollegium bestand zu dieser Zeit aus besonders reformorientierten Lehrern.

Ab 1929 wurde die Öffentlichkeit erstmals über Veränderungen in der Schulgemeinde (unterrichtsbezogene Schulentwicklungsmaßnahmen) informiert. Besonders folgende Reformprojekte seien hervorgehoben:

  • statt Jahresberichten wurde ein Jahrbuch (Frische Fahrt) begonnen, in dem viele Berichte aus dem Schulleben nachzulesen waren, aber auch Neuerungen bzgl. des Schulalltages bekannt gegeben wurden.
  • es wurde eine Schülerselbstverwaltung eingerichtet
  • es gab regelmäßige Lehrersprechstunden und Elternversammlungen
  • die Kasseler Waldschule wurde gegründet, um naturnahen Unterricht zu ermöglichen
  • Landschulaufenthalte auf Sylt wurden ab 1924 durchgeführt
  • es gab monatlich einen Wandertag
  • ein Bootshaus wurde aufgebaut
  • der Fremdsprachenunterricht wurde umgestaltet und unter dem Aspekt der "kommunikativen Kompetenz" angelegt
  • es wurde ein verbindliches Betriebspraktikum eingeführt, um die Schüler frühzeitig an das "wirkliche Leben" heran zu führen

Zielsetzung dieser Reformen nannte August Fricke bei der Vorstellung des ersten Jahrbuches:
"Achtung vor dem Menschen und der eigenen Art jedes Volksgenossen, Gleichberechtigung aller, Anteil aller und den Kulturgütern des Volkes, Gemeingeist und Brudersinn."

Fricke vertrat weiterhin die Ansicht, dass Schule nicht alles sei und dem Schüler Gelegenheit gegeben werden müsse, Erfahrungen auch außerhalb des Schulalltages sinnvoll zu sammeln. Theorie und Praxis sollten helfen, das eigenständige Denken zu entwickeln. Seine Schüler wurden angeregt, freie Vorträge zu halten, sich gegenseitig konstruktiv zu kritisieren und ihr Denken weiter zu entwickeln.

Frickes pädagogischer Leitspruch lautete:

Die Schule ist nicht der einzige Weg zur Tüchtigkeit. Wie vieles wird im Leben gelernt, was die Schule nicht geben kann." Fricke glaubte fest an das Gute im Menschen und ermunterte alle, Mitmenschlichkeit zu zeigen und zu leben.Nach der Bekanntgabe der Reformen am Realgymnasium II galt die Schule bald im Volksmund als "Rote Anstalt" und wurde von konservativen Kreisen sehr misstrauisch beobachtet. Ab 1931, während der sogenannten Machtergreifung, kam es immer wieder zu Übergriffen gegen die dort tätigen Lehrer. Einige mussten sogar fliehen.

August Fricke versuchte aber nicht nur pädagogische Reformen umzusetzen, sondern war auch im kulturellen und politischen Leben Kassels sehr aktiv. So begründete er Anfang der 20er Jahre die Volkshochschule in Kassel, war Mitglied im Vorstand des Kunstvereins, schrieb Berichte für die Kasseler Zeitung über Kunstausstellungen und war Herausgeber der Monatszeitschrift der "Gesellschaft der Freunde" (Quäker), die 1942 verboten wurde. Weiterhin engagierte sich Fricke als Stadtverordneter der SPD und war ein führendes Mitglied der Deutschen Friedensgesellschaft.

August Fricke wurde im März 1933 aufgrund des "Gesetzes zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums" aus dem Schuldienst entlassen und ein Nationalsozialist übernahm die Leitung. Die Schule wurde drei Jahre später geschlossen, im Kriege völlig zerstört und nicht wieder aufgebaut.
August Fricke arbeitete zunächst als Versicherungsvertreter und gab später u.a. heimlich jüdischen Kindern Privatunterricht. Als politisch Verfolgter musste er in seinen Aktivitäten äußerst vorsichtig sein und wurde so fast 12 Jahre, d.h. bis Kriegsende aus dem öffentlichen Leben völlig ausgeschaltet. Laut eigenen Aussagen wurde er während der Herrschaft der NSDAP ständig durch die Geheime Staatspolizei überwacht, wurde vorgeladen und bedroht, seine Wohnung mehrfach durchsucht. Er leistete keinen aktiven Widerstand gegen den Nationalsozialismus, sondern engagierte sich leise und nonkonform. Er unterhielt als Mittelsmann Kontakte zu deutschen Emigranten aufrecht und traf sich mit Mitgliedern der Quäker und "Bekennenden Kirche", um nach Möglichkeiten im Kampf gegen den Nationalsozialismus zu diskutieren und ein Leben nach dem Sturz des Faschismus auszugestalten. So ist es nicht verwunderlich, dass Fricke nach Kriegsende umgehend wieder im Dienst der Stadt für den Wiederaufbau des städtischen Schul- und Erziehungswesens zu finden war. Zuerst wurde er kommissarischer Stadtschulrat und war für die Demokratisierung und den Wiederaufbau des Kasseler Schulwesens zuständig. Nachdem er 1946 durch die Stadtverordnetenversammlung zum hauptamtlichen Stadtschulrat gewählt wurde, blieb er in diesem Amt bis zu seiner Pensionierung 1954.

Als Stadtschulrat war August Fricke auch gleichzeitig Kulturdezernent. In seiner Amtszeit war er außerdem Abgeordneter des ersten hessischen Landtages. Seine Verdienste um die Stadt Kassel wurden durch die Verleihung der Goethe-Medaille und des Bundesverdienstkreuzes entsprechend gewürdigt. Eine Förderschule in Kassel trägt seinen Namen.

 

Quellen:
Wilfried Hansmann: Das Kasseler Realgymnasium II in den 1920er Jahren
Biographisch-Bibliographisches Kirchenlexikon Band XXVIII Spalten 61-64
Dr. Reinhold Lütgemeier-Davin: Hakenkreuz und Friedentaube S. 243-244
Eigenhändig geschriebener Lebenslauf von August Fricke 1946 (Stadtarchiv)
Diverse Zeitungsausschnitte aus Kasseler Zeitung und Hessischen Nachrichten von 1950 bis 1960 (Stadtarchiv)